Die Rolle natürlicher Lebensmittel in der Geschmacksausbildung

Was Körper und Stoffwechsel eines Kindes leisten müssen, ist harte Arbeit – allein zum Aufbau von Muskeln, Knochen und Bändern, zur Entwicklung eines intakten Immunsystems, zur Ausbildung der Organe, der Haut und nicht zuletzt zum Aufbau von Nervensystem und Gehirn. Damit all diese Vorgänge im Körper eines Kindes geregelt ablaufen können, ist eine kindgerechte, abwechslungsreiche und gesunde Ernährung eine entscheidende Voraussetzung.

Wann lernen Kinder das Schmecken?

Die Geschmacksprägung des Menschen findet vor allem im Säuglings- und Kleinkindalter statt. Säuglinge können von Anfang an die verschiedenen Geschmackseindrücke unterscheiden. Das Geschmacksrepertoire entfaltet und entwickelt sich zur Gänze in den ersten sechs bis sieben Lebensjahren und verändert sich im Laufe des Erwachsenwerdens aufgrund von verschiedenen Lernprozessen.

Gibt es in dieser frühkindlichen Phase schon Präferenzen, was verschiedene Geschmäcker betrifft?

Babys schmeckt Süßes am besten, Bitteres mögen sie dagegen weniger. Diese Präferenzen im Säuglingsalter haben durchaus einen Sinn: Der süße Geschmack kennzeichnet eine ungefährliche Kohlenhydratquelle, Bitteres dagegen könnte giftig sein. Kleinkinder mögen bitteren und sauren Geschmack in den ersten beiden Lebensjahren nicht besonders gerne. Herzhafter und mild salziger Geschmack kommt dagegen schon früh gut an – allerdings noch nicht im Säuglingsalter, was auch sinnvoll ist, da das Salz den unausgereiften Nieren und dem Wasserhaushalt der Babys Probleme bereiten könnte. Die Geschmacksvorlieben von Säuglingen und (Klein-)Kindern entsprechen demnach einem Überlebensinstinkt.

Hat man als Elternteil Einfluss auf die Geschmacksbildung eines Kindes?

Auf jeden Fall! Das direkte Umfeld der Kinder entscheidet über geschmackliche Vorlieben oder Abneigungen des Kindes. Kinder übernehmen vorwiegend Verhaltensweisen der Eltern, daher spielt die Vorbildwirkung eine enorme Rolle.

Durch fehlerhafte Ernährung der Eltern wird der Geschmack von Kindern auf ungünstige Lebensmittel geprägt. Besonders stark verarbeitete Lebensmittel sowie Lebensmittel mit künstlichen Zusatzstoffen haben oft einen sehr intensiven Geschmack sowie einen hohen Salz- oder Zuckergehalt. Diese Komponenten können für die Geschmacksprägung von Kindern nachteilig sein. Durch den höheren Konsum dieser Nahrungsmittel werden in Folge Lebensmittel bevorzugt, die langfristig unvorteilhafte Konsequenzen nach sich ziehen können. Viele Kinder sind durch wiederholte intensive Geschmacksreize durch Lebensmittel mit Zusatzstoffen oft nicht mehr in der Lage, natürliche Geschmäcker zu unterscheiden.

Natürlich vorkommende und nicht verarbeitete Lebensmittel schulen den Geschmack und lassen Abwechslung im kindlichen Speiseplan zu.

Interview mit Prim. Univ.-Prof. Dr. Karl Zwiauer
Facharzt für Kinder- und Jugendheilkunde

Gibt es aus wissenschaftlicher Sicht einen Grund, natürliche Lebensmittel zu bevorzugen?

Es gibt bisher nur wenige wissenschaftliche Studien, die eine nachteilige Wirkung im Bezug auf hohe Konsumation von künstlichen Zusatzstoffen bei Kindern belegen. Dennoch wird ein Zusammenhang zwischen allergischen Reaktionen bzw. Unverträglichkeiten gegen Lebensmittel und Zusatzstoffen vermutet. Aufgrund der Schwierigkeiten der Diagnostik fehlen bisher signifikante Ergebnisse. Die Vermutungen basieren weitgehend auf Fallberichte.

Obwohl es nicht möglich ist, völlig ohne künstliche Zusatzstoffe auszukommen, sollte versucht werden, den Konsum von Zusatzstoffen – vor allem bei Kindern – niedrig zu halten.

Was empfehlen Sie den Müttern, die zu Ihnen in die Praxis kommen?

Grundsätzlich ist allen Müttern zu empfehlen, bei Ihren Kindern auf eine ausgewogene Ernährung mit reichlich Obst und Gemüse zu achten. Dabei sollte die erste Wahl auf naturbelassene Lebensmittel fallen. Ist das aufgrund von Berufstätigkeit der Eltern und fehlender Zubereitungszeit nicht immer möglich, gibt es natürliche Optionen in Form von Milchprodukten oder Obstpürees, die ebenfalls eine gesunde Alternative darstellen.

Welche Tricks gibt es, um Kinder für gesunde und natürliche Lebensmittel zu begeistern?

Kinder helfen Eltern sehr gerne beim Kochen. Gerichte, die sie selbst bzw. gemeinsam mit einem Erwachsenen zubereitet haben, schmecken viel besser. Eltern, die diese beim Einkaufen und Kochen mit einbeziehen und vorzugsweise zu gesunden, natürlichen Lebensmitteln greifen, müssen sich über das Essverhalten ihrer Kinder keine Sorgen machen. Der Erziehungsstil der Eltern spiegelt sich auch in der Ernährung des Kindes wider: Sind Kinder an klare Regeln gewöhnt, dann stellen sie diese auch beim Essen nicht in Frage.